Göttinger Tageblatt , 5. Juli 1979

Kinder-Ballett - auch für Erwachsene

Die Buscha-Schule führte "Der Geburtstag der Infantin" auf
GÖTTINGEN Sven Buscha. seit 1973 Leiter des Ballett-Centrums Göttingen (Buscha-Schule in der Maucrstraße) hat über ein Jahr lang an seinem neuen Kinderballett gearbeitet. "Der Geburtstag der Infantin", das bekannte Märchen von Oscar Wilde, nahm er sich als Vorlage, richtete es als einstündiges Ballett ein und probte mit 45 Kindern seiner Schule monatelang. Was dabei heraus kam, übertraf selbst hochgesteckte Erwartungen. Nach der Uraufführung im Deutschen Theater wurde von den kleinen und großen Zuschauern begeistert verdienter Beifall geklatscht und getrappelt.

Besonders gefiel die kindgemäße Choreographie Sven Buschas, der nicht den Fehler gemacht hatte, die Kinder ein Erwachsenenballett imitieren zu lassen. Die leider oftmals obligatorischen Tüllröckchen fehlten hier ganz, und dennoch gab es auch Partien klassischen Spitzentanzes und klassischen Balletts, die sich wegen ihres organischen, natürlichen Bewegungsablaufs mehr als sehen lassen durften. Mit der Auswahl des Stoffes hatte Sven Buscha einen Goldgriff getan. Die Geburtstagsfeier der spanischen Prinzessin, ein Fest, auf dem viele Gruppen von Akrobaten, Clowns, Tänzern und Tänzerinnen ihre verschiedenartigen Darbietungen präsentieren, eignet sich bestens dafür. das spezifische Können der Kinder, von Rhythmik bis Gymnastik, vom Volkstanz bis zum Menuett, vom Spitzentanz bis zur Pantomime, zur Geltung zu bringen. Die Musik dazu (aus dem Lautsprecher) hatte Sven Buscha so ausgewählt, daß sie im Ganzen eine einheitliche, verträumte, märchenhafte Atmosphäre erzeugte, trotz ihrer Vielfalt (Musik aus Java war ebenso dabei wie Tomitas Synthesizer-Verfremdungen Debussyscher Klavierwerke).

Sonderapplaus gab es für jede einzelne Gruppe, besonders aber für die radschlagenden, sich überschlagenden Turnerinnen und die Schlangenbeschwörer: wie die beiden Kinder sich in ihren grünhäutigen Schlangen-Kostümen um den Schlangenbeschwörer schlängelten und ringelten, war grandios ausgedacht und ausgeführt. Die Kostüme hatten nur andeutend historisierenden Charakter (das Märchen spielt im 16. Jahrhundert). In ihrem sportlichen Duktus strahlten sie dennoch vor Farbenpracht und formaler Phantasie.

Bestechend in seinen künstlich ungelenken, dabei virtuosen Bewegungen wirkte der Zwerg: Er erscheint auf dem Höhepunkt des Festes, macht seine Spaße und bekommt von der Prinzessin die goldene Rose geschenkt. Beglückt tanzt er mit der Rose und sucht dann die Prinzessin im Schloß. Die kostbaren Samt- und Seidenstoffe bewundernd, findet er einen Spiegel. Zunächst glaubt er, ein fremdes Wesen darin zu sehen, bis er merkt, daß er sich selbst gegenüber steht. Zum ersten Mal sieht er seine verkrüppelte Hand und wie häßlich sein Buckel auf dem Rücken ist. Er fühlt sich von allen verlassen und stirbt am Kummer seines Herzens. Wie Buschas Zwerg-Darsteller die Seelenregungen, die Freude, die tragische Schlaksigkeit und das zerbrechende Selbstbewußtsein des Zwerges spielt, ist hinreißend glaubwürdig, und zeugt sowohl von beachtlicher Personenregie des Choreographen, als auch von ungewöhnlicher Begabung des Schülers.

Die Uraufführung und Zweitvorstellung am Sonntag, deren Erlös dem Albert-Schweitzer- Kinderdorf zugedacht ist, sollten nicht die einzigen Vorstellungen bleiben: Nicht nur die investierte Mühe und Arbeit der Ausführungen, sondern auch das künstlerische Ergebnis dieses in sich stimmigen Kinderballetts sollte noch bei viel mehr Kindern und Eltern Beachtung finden können. Eine Leistung, die von ihrem ideellen Hintergrund und von ihrer Qualität her uneingeschränktes Lob verdient.
ANTJE AMONEIT