Hommage an Hervé Guibert. Eine Prokuktion des Playnow Theaters Frankfurt
Produktionsleitung: Dalinda Maamar
Regie: Mattias Wellmer
Dramaturgie: Dalinda Maamar
Bühlne:Cyrill Andréani
Fotograf: Timo Sinner
Schauspieler: Jürgen Müller
Tanz und Choreographie: Jens Raabe
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.12.1992
Der Schatten des kranken Körpers
Im Mousonturm zeigte das playnow Theater das Aids-Stück "Herve" über den Schriftsteller
Der Name Hervé Guibert ist zum Symbol für die schonungslose Auseinandersetzung mit
dem Thema Aids geworden. Die minutiös detailbesessene Präzision, mit der Guibert in
zwei Buchpublikationen ("Der Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat" und "Mitleidsprotokoll") den Verlauf der Krankheit am eigenen Leibe beschreibt, kennt keine konventionellen Grenzen. Guibert berührt unmittelbar und hemmungslos das Tabu-Thema Tod. In seinem o zum Skelett abgemagerten und ausgezehrten, scheinbar wie 90 Jahre alten Körper hält der Mann von 35 Jahren einen langen Monolog über das Sterben. Einmal, so kann man dabei lesen, steht er während eines Urlaubs mit diesem greisen Körper einem jugendlichen, kraftstrotzenden gegenüber.
Diese Momentaufnahme aus Guiberts autobiographischem Protokoll scheint die Inszenierungsgrundlage
für das Stück "Herve" des Frankfurter playnow Theaters mit seinem Regisseur Matthias Wellmer zu sein,
das im Mousonturm Premiere hatte; es ist dem vor knapp einem Jahr gestorbenen Romancier und Fotokritiker Guibert
gewidmet. 'Ein Schauspieler (Jürgen Müller) und ein Tänzer (Jens Raabe mit eigener Choreographie und abwechslungsreich farbiger Musik von Stefan Tho
mas) bilden das ungleiche Paar, der eine sprechend und sich in seiner angegriffenen körperlichen Hülle
stolpernd bewegend, der andere die Inkarnation des vollkommenen und schönen Körpers. Sie nehmen sich je
ihren Raum auf der Bühne und treten in Beziehung zueinander.
Annäherung und Abstoßung, Bewunderung, Haß, Mitleid und Staunen wechseln wie die Bedeutung,
die dem Körperlichen zugemessen wird. Manchmal scheint sie groß, manchmal klein, manchmal wirkt der Tänzer wie der Spiegel der Phantasie des Schauspielers oder wie ein Abziehbild seiner Vergangenheit. Er ist ihm Stütze, Feind und Objekt der Sehnsucht zugleich. Zum Schluß, im schönsten Bild der Inszenierung, entblößt der Schauspieler den Oberkörper, und wie ein kaum sichtbarer Schatten verrenkt sich hinter ihm der
Im Theater am Turm hat am 10. Dezember, 19 und 21 Uhr, Marguerite Duras' Stück "Die Krankheit Tod" Premiere. I
nszenierung: Elke Lang.
Im Museum für Völkerkunde wird am 6. Dezember um 15 Uhr von der Gruppe "Krick Krack" das Stück
"Die Rückkehr der gefiederten Schlange" aufgeführt. Das Stück handelt von der Welt der Azteken.
schwarzgekleidete Tänzer, dessen Anstrengung hier Vergeblichkeit symbolisiert.
Das Potential dieses Inszenierungs-Ansatzes, der zum Wohle des Ganzen mehr mit der Bewegung als mit den wenig
überzeugenden, der Diktion Guiberts nachempfundenen Texten gewoben ist, wird jedoch zu wenig genutzt.
Die erarbeiteten Bewegungsabläufe reichen für vielleicht zehn Minuten.
Der Rest ist Wiederholung, leerlaufende Variation im Rahmen eines schönfarberisch
glatten Bühnenbilds (Cyrill Andreani). Mit seine Jalousien,
Säulen und Vorhängen gestattet es manchen Effekt, der aber mit weniger Aufwand billiger zu
haben gewesen wäre. Seine werbeästhetisch geformten Requisiten, aus dem Schaufenster eines
schicken Möbelhauses kopiert, glänzen bunt. in den beliebig anmutenden Lichtspielereien und
wirken, als seien sie der Inszenierung ohne Bezug auf das Thema von außen angeheftet.
Durch
ihre kalte Glätte verflachen sie die beeindruckende Intensität der tänzerischen und
schauspielerischen Leistung. Sie tragen bei zur Brüchigkeit des
Stücks, die hauptsächlich aus dem wenig ausgearbeiteten Ansatz resultiert.
So kommt Langweile auf angesichts der verpaßten Chance einer zu bewundernden Verbeugung
vor dem Erbe Herve Guiberts.
HANNO EHRLER