Model-Andrang in Heringsdorf
Auf Usedom soll Mode Einzug halten / Schau mit großen Namen und kleinen Labels
VON SUSANNA NIEDER
USEDOM. "Man kommt nicht unbedingt auf Heringsdorf, wenn man an Mode denkt",
sagt Karl-Heinz von der Ahé, Chef der Werbeagentur MÄX. Es fängt schon damit an,
daß die meisten sich unter Heringsdorf nichts vorstellen können. "Was wollt ihr denn in Hennigsdorf?",
wurden wir ein paarmal gefragt.
Heringsdorf liegt auf der Insel Usedom.
Als "Badewanne Berlins" wurde das ehemalige Kaiserbad seinerzeit bezeichnet,
als "Nizza der Ostsee" gar. Von ehemaliger Mondänität zeugen schön renovierte Villen
entlang der Strandpromenade. Was neu gebaut oder aus DDR-Zeiten übernommen wurde, wirkt
eher sperrig, Grandezza war hier nicht im Spiel. Die meisten Flaneure tragen vernünftiges
Schuhwerk nebst wetterfester Kleidung.
Hier also soll die Mode Einzug halten, und zwar in großem Stil. Warum nicht, der Ort zieht Namen an.
Kurt Masur, ehemaliger Chef des Leipziger Gewandhausorchesters und heute Dirigent des New York Philharmonic
Orchestra, hat den Ort für würdig befunden, ein allsommerliches Musikfestival für Nachwuchskünstler zu
beherbergen. Die Region läßt sich etwas einfallen, um den Tourismus in Schwung zu bringen.
Jetzt lassen Models am Strand die Besucher erstaunen, die an diesem Ort alles andere erwarten
als den Andrang der Modebranche. "Heringsdorf goes Fashion" - das Motto der Modeschau, die MÄX im
Auftrag der Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern zweimal im Jahr ausrichtet, birgt mit seiner
Kombination aus großer weiter Welt und unbekanntem Fleck auf der Landkarte einigen Unterhaltungswert.
Doch die Veranstaltung wird ernstgenommen. Die Resonanz auf die erste Präsentation im letzten September
war so ermutigend, daß die Schau in dieser Saison an zwei Abenden gezeigt wurde und trotz hoher
Eintrittspreise zwischen 95 DM und 175 DM gut besucht war.
Zehn Namen waren diesmal dabei, darunter zwei, die international zu den großen zählen:
MaxMara, ein Label, das sich sonst nur auf den Mailänder Schauen präsentiert, und Cerruti 1881,
ebenfalls in Deutschland selten zu sehen.
Man darf bei einer Modeschau in Heringsdorf keine Räumlichkeiten wie zu Kaisers Zeiten erwarten
und kein Publikum wie in Paris. Aber die Mode kommt trotzdem zu ihrem Recht. Natürlich stellten
die beiden internationalen Labels die Highlights unter den zehnmal 21 Outfits dar -
Cerruti mit seiner kühlen, souveränen Eleganz und MaxMara mit wunderbaren Farbkombinationen und
geraden Schnitten, die den Stoffen einen glatten, ungehinderten Fall erlauben.
Die drei Berliner Labels, die in Heringsdorf vertreten waren, bestanden den Vergleich
mit den Kollegen bestens. Herz + Stöhr mit ihren unbeschwert femininen Kombinationen in
zartem Pink und kräftigem Rot lieferten einen kräftigen Auftakt, Coration bot mit seinen
ausgesprochen maskulinen, fast martialisch wirkenden Männerröcken einen beträchtlichen Schauwert,
und quasi moda setzte mit weiblich geschwungenen Linien und satten Farben einen opulenten Schlußakkord.
Wenig einprägsam waren dagegen die Kollektionen von Otto Kern und dem schwedischen Label
Credo. Die Aachener Firma Joseph Janard war vor allem im Spiel mit transparenten Stoffen und
mehrlagigen Kombinationen interessant, Nicowa aus München zeigte neben einem Schlampen.look,
der immer Geschmackssache, aber immer irgendwie in ist, sehr schöne Abendmode - auffällig,
aber nicht aufdringlich.
Die Schau war sehenswert, und sie war kurzweilig, auch wenn der Präsentation streckenweise
der letzte Schliff fehlte. Vor allem in der ersten Hälfte trugen die Berliner Choreographen
Alexander Grünwald und Jens Raabe der offensichtlichen Unerfahrenheit der meisten Models zu
wenig Rechnung; zwar wirkte die Auflockerung des Defilees anregend, aber kleine Akzente wären
angebrachter gewesen als allzu ehrgeizige Choreographien. Teile der Schau werden am Sonnabend,
17. April, ab 20.15 Uhr auf N3 übertragen. Und seine Steigerungsfähigkeit stellt
"Heringsdorf goes Fashion" zum nächsten Mal im Oktober zur Debatte.
http://www2.tagesspiegel.de/archiv/1999/04/13/ak-we-11179.html
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